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Geld, Gier und kriminelle Energie: Was steckt dahinter?

Joachim Hasebrook, Benedikt Hackl & Sibyll Rodde


Das Desaster um den Technikkonzern und Zahlungsdienstleister Wirecard scheint die Reihe von Finanzskandale nahtlos fortzusetzen: Sind das alles Belege von Gier bis hin zur krimineller Energie im Geldgeschäft? So einfach ist es nicht. Aus verschiedenen Branchen hat Julia Shaw in ihrem Buch "Böse" Fälle gesammelt, die fassungslos machen. Zum Beispiel der des Autoherstellers Ford. Ford brachte wegen der steigenden Konkurrenz durch japanische und deutsche Kleinwagen selbst einen Kleinwagen auf den Markt. Durch einen Konstruktionsfehler konnte bei Auffahrunfällen der Benzintank leicht in Brand beraten. Eine Reparatur für 11 Dollar pro Wagen hätte rund 180 Todesfälle im Jahr verhindern können, wurde in einem späteren Gerichtsverfahren errechnet. Ford unterließ die Reparatur, weil diese teurer war als die rund 200.000 US-Dollar, die der Autokonzern kühl als Kosten pro Todesfall angesetzt hatte.



Es ist meistens eben nicht die kriminelle Energie Einzelner sondern ein System, das moralische Grundsätze nach und nach untergräbt und vorher Undenkbares rational und sinnvoll erscheinen lässt. Der Psychologe Phil Zimbardo gibt in seinem Buch „Der Luzifereffekt“ eine Anleitung, wie man beinahe jede Person oder Gruppe zu unmoralischem Verhalten verleitet: 1. Zunächst wird eine Verpflichtung (z. B. ein Vertrag) hergestellt und den Beteiligten eine wichtige Rolle zugewiesen. 2. Dann werden vage Regeln aufgestellt, die unterschiedlich interpretiert werden können und auf deren Einhaltung bestanden wird. 3. Das Einhalten der Regeln muss mit einem positiven Ziel zusammenhängen (z. B. wirtschaftliches Überleben der Firma statt Gefährdung von Autofahrern). 4. Verantwortung wird dabei auf verschiedene Personen verteilt, sodass der Einzelne sie immer „abgeben“ kann. 5. Moralisch deutlich verwerfliche Taten dürfen nicht auf einmal eingeführt werden, sondern in vielen kleinen Schritten. 6. Die persönlichen Kosten für das Abbrechen unmoralischen Verhaltens müssen hoch sein (z. B. soziale Isolation, Degradierung oder Jobverlust).

Sind wir also unmoralischem Verhalten schutzlos ausgeliefert, so dass Skandale wie der um den Autobauer Ford oder den Technik- und Finanzkonzern Wirecard immer wieder vorkommen? Die Wirkungsweise ist so einfach und effektiv, dass es wohl immer wieder zu solchem Systemversagen kommen wird. Aber schutzlos sind Organisationen und Gruppen keineswegs.

Eine überraschende Antwort kommt aus einer zunächst unvermuteten Ecke: Der Niederländer Hans Mondermann wies nach, dass Verkehrsteilnehmer die Regeln besser beachteten und im Straßenverkehr mehr Rücksicht aufeinander nahmen, wenn man Verkehrsschilder und Ampeln radikal entfernt. Eine Umgebung, die signalisiert: „Hier ist alles geregelt und sicher“, verführt zu Unaufmerksamkeit und nachlässigem Verhalten. In ähnlicher Weise verführt eine Umgebung, die Verstöße durchgehen lässt, zu weiteren und größeren Regelverstößen.

In Feldexperimenten zeigte sich, dass Zeichen von Unordnung, wie herumliegender Müll oder Graffiti, dazu führen, dass noch mehr Müll weggeworfen und mehr gestohlen wird. Schulen reagieren daher bei Vandalismus z. B. damit, dass Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Räume säubern und schön herrichten: In selbst renovierten Schulräumen kommt es zu 80% weniger Vandalismusfällen. Der Grund ist, was in der Sozialpsychologie „soziale Norm“ genannt wird: Saubere und gepflegte Umgebungen vermitteln eine andere Norm, genauso wie offene soziale Räume im Vergleich zu strikt geregelten Verkehrsräumen.

Sollen nun also Banker ihre Arbeitsräume selber streichen? Vielleicht – wichtiger aber ist es, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Teams eines schwedischen Finanzdienstleisters gingen in Teamtrainings 15 Karten mit Aussagen durch wie: „Verpflichtet sein: Ich stehe hinter den Entscheidungen des Teams und trage Verantwortung dafür“. Oder: „Lösungen finden: Ich konzentriere mich auf Lösungen, nicht auf Probleme“. Und: „Wissen teilen: Ich will Wissen und Fähigkeit mit anderen teilen“. Dann stellte jedes Teammitglied kurz dar, was diese Aussage für sie oder ihn bedeutet. Im Laufe der Teamarbeit stiegen Zufriedenheit und Motivation für Teams, die an den Trainings teilnahmen, deutlich an.

Teams werden weitgehend immun gegen unethisches Verhalten, wenn sie Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, Fehler eingestehen, Perspektivwechsel zulassen und immer auch die Folgen ihrer Handlungen bedenken. Und schließlich: Jedes System muss sicherstellen, dass persönliche Entscheidungsfreiheit nicht für die eigene Sicherheit aufgegeben werden muss. Dies gilt besonders in Organisationen, die kalkuliert Risiken eingehen müssen, um bestehen zu können.

In unserem Buch „Team-Mind“ schildern wir die Hintergründe und zeigen Teamperspektiven gegen „unmoralische Systeme“ auf. Dazu haben wir Karl von Rohr, Vorstand der Deutschen Bank, zum Thema „Team und Verantwortung“ befragt. Der Experte für organisiertes Verbrechen, Max Edelbacher, spricht über „unmoralische Systeme“. Und Oberstleutnant Peer Streit erklärt, wie "Sicherheit im Team" entsteht.


(Bildquelle: J. Hasebrook)

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